Ein Wahn im Wandel der Zeiten
Zielt die geplante Raketenabwehr auf Ufos? Wie reagieren die Aliens darauf? Der Glaube an Außerirdische geht in eine neue Runde und bleibt auf der Überholspur des Zeitgeists
US-Präsident George W. Bush mit erhobenem Zeigefinger vor einem Alien. Dahinter startet eine Rakete. "Hat die Nato Angst vor Ufos?", fragte jüngst die "Bild"-Zeitung, weil Nato-Generalsekretär George Robertson "geheimnisvoll" von "neuen Gefahren" gesprochen habe, vor denen sich die USA per Raketenabwehr schützen wollten. "Rüsten sich die USA gegen mögliche Ufo-Angriffe von Außerirdischen?" Es gibt sie also doch!
Der Ufo-Wahn vollzieht sich in Wellen. Als im April in England das Institut zur Beobachtung von Fliegenden Untertassen mangels Masse seinen Betrieb einstellte, schrieb die "Times" einen Nachruf auf die Ufos: Diese seien ein Symptom der vergangenen Epoche gewesen, in der die Menschheit darüber staunte, dass sie ihre "kosmische Unschuld verloren" hatte. Doch dieser Nachruf war voreilig. Denn nur wenige Wochen nach der Schließung des englischen Instituts berichtete die BBC über eine Gruppe Ufo-Gläubiger, die sich in den USA zum "Project Disclosure" zusammengeschlossen haben. Sie befürchten, die Pläne für Waffensysteme im Weltraum könnten die friedlich gesinnten Aliens an der Landung auf der Erde hindern und somit verärgern.
"Keine Angst lässt sich auf längere Strecken durchhalten", sagt Karlheinz Steinmüller, der gemeinsam mit seiner Frau Angela in dem Buch "Visionen 1900 2000 2100" (Rogner und Bernhard bei Zweitausendeins) den Wandel der Zukunftsträume und der Vorstellungen von Außerirdischen analysierte. Die Bilder von den "Grauen" seien vielfältig und spiegelten regional und zeitlich variierende Mythen und Ängste: Vom arischen Übermenschen bis zum grausamen Blutsauger reicht die Palette. Die Mission, in der uns die Aliens besuchen, wurde mit unterschiedlichsten Bedeutungen aufgeladen, von der pädagogischen Lenkung des Menschen bis zur Bestrafung seiner Hybris.
Rund um 1989 erreichte die Zahl der Sichtungen einen Höhepunkt - den Zerfall eines Weltreiches lassen sich die Außerirdischen nicht entgehen, und je unsicherer die Zeitläufte, desto dringender benötigen die Menschen Hilfe aus dem Weltall. Einen weiteren Zenit erreichte das Phänomen rund um den Jahrtausendwechsel. Doch nachdem die Erwartungen des Weltendes enttäuscht worden sind, ebbte die Hysterie wieder ab. Doch die Zeitschrift "Spex" glaubt, dass es den Alien immer geben werde, da er "je nach Interessenlage alles sein kann, ein Türke, der außenpolitische Gegner, eine Frau, das HIV-Virus, Objekt der Abwehr oder der Identifikation". Und Marshall McLuhan sagt: "Unsere Technologie zwingt uns, mythisch zu leben." Nachfolgend: eine Übersicht über die wichtigsten Spielarten solch mythischen Existierens.